Unfertig.
Über die Liebe zum Unperfekten und das sichtbare Teilen des Prozesses – nichts ist jemals fertig, und damit ist es zu jedem Zeitpunkt fertig.
Ich führe eine Liste mit Dingen, die ich teilen will, „sobald sie fertig sind“: die Zeichnung, die noch ihre endgültige Version braucht, die Seite, der ihr Bild fehlt, der Text, der noch einen Durchgang will. „Fertig“ verschiebt sich immer weiter. Einiges von dem, was du auf dieser Seite findest, ist sichtbar unfertig – und es so zu veröffentlichen, kostet mich jedes Mal noch eine kleine Überwindung.
Der Brief löst die ganze Kategorie auf: Nichts ist jemals fertig, und damit ist es zu jedem Zeitpunkt fertig – perfekt für diesen Moment, bis eine neue Sehnsucht es umformen will. Das Unperfekte zu lieben ist dieselbe Bewegung, die „Amor Fati – Liebe dein Schicksal“ am Leben selbst übt: das, was ist, nicht trotz seiner Härten zu lieben, sondern gerade wegen ihnen. Und der Brief hinterlässt eine Erlaubnis, zu der ich immer wieder zurückkehre: Der Prozess darf sichtbar sein.
Wenn etwas von dir in einer Schublade liegt und auf seine letzten zehn Prozent wartet, lies diesen Brief – und entscheide dann neu.
Liebe Wanderin,
Lieber Wanderer.
Siehst du es? Siehst du, wie unsere Liebe durch dich scheint? Wie sich dein Kreieren weiterentwickelt? Wie es sich Schritt für Schritt entfaltet – ohne fixe Vorstellung – ohne detaillierten Plan, schlicht eine intuitive, auf tiefem Vertrauen aufbauende Hingabe. Ein Sich-Öffnen, statt Wollen. Ein Hinhören, statt Rufen. Fliessen. Ja. So kreierst du aus deiner Essenz.
Und jetzt liebe das Unperfekte. Lass es zu jedem Zeitpunkt einfach das sein, was es gerade ist. Ohne Beurteilung. Ohne Wollen. Der Prozess darf sichtbar sein. Teile, so oft du möchtest. Unfertig. Nichts ist jemals fertig, und damit ist es zu jedem Zeitpunkt fertig. Perfekt für diesen Moment. Bis eine neue Sehnsucht darin manifestiert werden will. Das liegt nicht in deiner Kontrolle. Das darfst du einfach loslassen.
Öffne dich für Wellen. Geh ins Wasser. Wenn eine Welle kommt, darfst du dich ihr hingeben – wenn du möchtest. Surfe, aktiv. Kreiere. Und danach: Lass los. Mehr brauchst du nicht zu tun.
Schön, dass Du da bist.
Wenn etwas aus diesen Briefen bei Dir geblieben ist, nimm es mit – denk darüber nach, schreib Deine eigene Antwort oder lass es einfach wirken.
Und wenn nicht heute, ist das auch okay. Es gibt keine Eile.
Bis zum nächsten Mal,
– Jan

