Erzürne Gott nicht.
Ein Satz, der einmal Taten meinte, wurde zur Leine für die Gefühle – und Freude, Müdigkeit und Tränen waren nie das Verbrechen.
Bella schlägt ihr Tagebuch auf und schreibt drei Worte: ich bin müde. Und bevor der Satz atmen kann, antwortet eine Stimme in ihrem Kopf – erzürne Gott nicht. Statt der Stimme zu gehorchen, dreht sie sich um und schaut sie an: Woher kommt dieser Satz eigentlich, und was hat er ursprünglich bedeutet?
Was sie findet, verdient den Raum, den sie ihm gibt: Der Satz handelte von Taten – Grausamkeit, absichtlichem Schaden – nie von Gefühlen. Freude, Müdigkeit und Tränen waren nie das Verbrechen. Es brauchte Generationen ohne einen sicheren Raum für Emotionen, um ihn in ein Instrument zu verwandeln: freu dich nicht, beklag dich nicht, sei dankbar und schweig. „Der blinde Fleck“ beschreibt dieselbe Maschinerie von innen – die unsichtbare Hierarchie, die unsere innere Welt in willkommene und unerwünschte Gefühle sortiert und zum grössten Hindernis für die Heilung wird. Dieser Weg steht für das Gegenteil: Jedes Gefühl ist ein Gast mit vollem Daseinsrecht. Müdigkeit eingeschlossen.
Ihre letzte Zeile benennt, warum das über einen einzelnen Tagebuchmorgen hinausreicht: Es wird weitergegeben – bis jemand aufhört, es weiterzugeben.
„Erzürne Gott nicht“
Heute habe ich Tagebuch geschrieben und mit dem Satz angefangen: ich bin müde. Müde davon, nachts nicht zu schlafen. Und sofort habe ich eine Stimme im Kopf gehört: „Erzürne Gott nicht.“
Mir ist aufgefallen, dass ich diesen Satz viel zu oft höre, und mich hat interessiert, was er wirklich bedeutet und woher diese Einschüchterung überhaupt kommt.
Ursprünglich ging es in dem Satz „Erzürne Gott nicht“ überhaupt nicht um Gefühle.
Nicht um Freude. Nicht um Müdigkeit. Nicht um Tränen.
Im religiösen Sinn bezog er sich auf Taten:
Grausamkeit, Hochmut, absichtlichen Schaden, die Zerstörung von sich selbst und anderen.
Es ging um moralische Entscheidungen, nicht um menschliche Emotionen.
Gefühle galten nie als etwas, das „Gott erzürnen“ könnte.
Aber mit der Zeit hat sich die Bedeutung stark verändert, und das hängt direkt damit zusammen, in was für einer Zeit unsere Mütter und Grossmütter gelebt haben.
Das waren Zeiten, in denen:
• Individualität nicht gefördert wurde,
• es keinen sicheren Raum für Emotionen gab,
• persönliche Gefühle als etwas Zweitrangiges galten,
• Überleben und „Aushalten“ wichtiger waren, als sich selbst zu verstehen.
Unter solchen Bedingungen wurde der Satz zur bequemen Einschüchterung.
Man begann ihn nicht als moralischen Kompass zu benutzen,
sondern als Mittel, einen Menschen aufzuhalten:
– freu dich nicht,
– beklag dich nicht,
– fühl nicht zu viel,
– fall nicht auf,
– sei dankbar und schweig.
Der Satz drehte sich nicht mehr um Taten,
sondern um Kontrolle und Angst.
Und genau so wurden sehr viele Menschen schon in der Kindheit psychisch gebrochen:
nicht, weil mit ihnen etwas nicht stimmte,
sondern weil man ihnen beibrachte, nicht zu fühlen,
sich selbst nicht zu vertrauen
und ständig Strafe für Aufrichtigkeit zu erwarten.
Und das Schlimmste ist, dass das von Generation zu Generation weitergegeben wurde…
Danke fürs Lesen.
Wenn ihre Worte dich irgendwo erreicht haben, wo meine nicht hinkommen – gut. Dafür ist dieser Blog da. Nimm, was passt, und lass den Rest liegen.
– Jan