Die Tasche.
Eine seit der Kindheit versprochene Tasche, eine Boutique, in die sie sich kaum hineintraute – und ein Traum, der sich in dem Moment auflöste, in dem sie drinstand.
Die Szene, mit der dieser Post beginnt, ist zwanzig Jahre alt: ein Sushi-Laden auf dem Arbat, goldene Jugend um den Tisch – persönliche Fahrer, die richtigen Klamotten – und Bella, die zwischen Cola und Spiesschen Kopeken zählt. Kein Neid, sagt sie. Nur das Gefühl, ein bisschen überflüssig zu sein. Und eine Gewohnheit, die den Tisch überlebt hat: nicht mit leeren Händen kommen, die Rechnung übernehmen, beweisen.
In der Boutique in Zürich löst es sich auf. Die Angst an der Tür – als wäre ich es nicht wert – spricht laut aus, woraus die Traumtasche eigentlich gemacht war, und „Angst und Kontrolle“ verfolgt genau diesen Faden: Wollen macht Erwartung, Erwartung macht Angst. Dann ist sie drin, jemand lächelt, keiner macht ein Theater, nichts wird verliehen. So offen betrachtet, gehört das Wollen am Ende zur Wunde, nicht zu ihr – und lässt von selbst los. Was bleibt, ist eine echte Wahl: Italien, Wasser, Ausruhen.
Bei dieser Geschichte kam keine Tasche zu Schaden. Etwas Älteres als die Tasche schon.
Eine offene Gestalt schliessen
Als ich ein Teenager war, bewegte ich mich im Kreis der goldenen Jugend. Persönliche Fahrer, Telefone, Autos, Klamotten und so weiter. Ich selbst kam aus einer ganz gewöhnlichen Familie.
Wir sind oft ins Kino gefahren, zum Kartfahren, in die Spielhallen und so weiter. Und ich weiss es noch wie heute: Wir sitzen auf dem Arbat, ich glaube, es war ein „Jakitoria“, und ich überlege, ob ich Cola und Sushi bestelle oder Sushi, ein Schaschlik-Spiesschen und Wasser. Ich habe jede Kopeke gezählt, damit es reicht.
Ich habe meine Freunde nie beneidet, eher habe ich mich ein bisschen überflüssig gefühlt.
Und dann, fast 20 Jahre später, wenn ich mich mit meinen Freundinnen getroffen habe, hat das kleine Mädchen in mir versucht, nicht mit leeren Händen zu kommen, die Rechnung zu übernehmen – als wollte es sich für die Vergangenheit rechtfertigen oder zeigen, dass ich es kann.
Das ist inzwischen Vergangenheit, ich habe diese Situation losgelassen. Aber auch das gab es.
Und vor kurzem ist eine interessante Geschichte passiert. Zur Geburt unserer Tochter hat mein Mann mir eine Louis-Vuitton-Tasche versprochen. Natürlich war das ein Traum noch aus der Kindheit – in die Boutique gehen, aussuchen, kaufen. Alle Kindheitstraumata mit einer einzigen Tasche schliessen 😂
Und da gehe ich durch ein Einkaufszentrum und sehe sie: rosa, Jeansstoff – einfach ein Traum. Ein paar Tage später bin ich durch Zürich spaziert und habe die Boutique gesehen. Ich hatte solche Angst hineinzugehen, als wäre ich es nicht wert. Aber ich habe mich zusammengenommen und bin hinein.
Man hat mich mit einem Lächeln begrüsst… und das war's)
Ich bin herumgelaufen, habe Sachen angefasst, geschaut. Ich war allen völlig egal. In der Schweiz macht keiner ein Theater um dich, und aufschwatzen will dir auch niemand was.
Und dann bin ich da rausgegangen und habe mich gefragt: Brauche ich diese Tasche überhaupt?
Sie macht mich nicht dünner, nicht schöner und letzten Endes auch nicht klüger.
Und irgendwie war der Traum auf einmal kein Traum mehr. Lieber nach Italien fahren, baden, ausruhen 🤭
Danke fürs Lesen.
Wenn ihre Worte dich irgendwo erreicht haben, wo meine nicht hinkommen – gut. Dafür ist dieser Blog da. Nimm, was passt, und lass den Rest liegen.
– Jan