Andere Schuhe.
Am schwersten aufzuhalten ist der eigene Rat. Sie ertappt die Ratgeberin in sich – und ihre Hand schreibt stattdessen Neugier.

Bella weiss auswendig, wie es ist, gute Ratschläge zu kassieren: Fast alle, die mehr als ein Kind haben, sind sicher, dass sie ein zweites braucht, und selbst ein direktes „Ich will nicht“ bekommt mit voller Überzeugung zur Antwort: „Wirst du schon noch wollen.“ Dann, mitten im Gespräch mit einer Freundin, spürt sie, wie sich derselbe Satz in ihrem eigenen Mund formt: Oh, das habe ich auch mal gesagt, und schau mich jetzt an. Und sie fängt ihn ab, bevor er landet.
Was sie in diesem Moment findet, ist der Grund, warum auf der Seite „Was? Warum? Wie?“ dieser Website ganz vorne „Keine Methode – eine Begleitung“ steht. Erfahrung lässt sich nicht übertragen: Was sich für mich als wahr erwiesen hat, beweist nichts über dich. Das Ehrlichste, was man dem Weg eines anderen Menschen anbieten kann, sind Gesellschaft und Neugier, keine Schlussfolgerungen – dein Weg ist der Weg, und dieser Satz gilt auch von der anderen Seite. Der Weg der anderen ist ihr eigener.
Der Satz, den ihre Hand statt des Ratschlags geschrieben hat, ist der ganze Post in einer Zeile. Ich lasse sie ihn selbst sagen.
Mir ist etwas aufgefallen: Wir stülpen anderen oft unsere eigenen Wünsche, Ängste, Ideen und so weiter über.
Zum Beispiel hat eine Freundin von mir zwei Kinder, und sie rät allen – ganz unaufdringlich, aber eben doch – zu einem zweiten oder dritten. Und überhaupt: Fast alle, die mehr als ein Kind haben, sagen mir mit Nachdruck, dass ich ein zweites brauche. Und selbst wenn ich direkt sage, dass ich nicht will, bekomme ich mit voller Überzeugung zur Antwort: „Wirst du schon noch wollen.“
Mir sind schon die Worte ausgegangen, um diesen Leuten zu erklären, dass ich nur ein Kind will. Übrigens hatte ich schon den Gedanken, zu sagen, dass ich keine Kinder mehr bekommen kann, damit man mich in Ruhe lässt – aber ich bin nicht bereit, so zu lügen.
Und dann habe ich neulich einer Freundin vom Stillen erzählt, und sie meinte, wenn sie einmal Kinder hat, wird sie ihnen höchstwahrscheinlich das Fläschchen geben. Ich bin ein Mensch, der sein halbes Leben lang sicher war, dass das Fläschchen „die Antwort auf alles“ ist – und seit der Geburt meines Kindes stille ich nur und bin sehr froh darüber. Und in mir stieg der Drang auf zu sagen: „Oh, das habe ich auch mal gesagt – und jetzt schau, was draus geworden ist.“
Aber in dem Moment habe ich mich dabei ertappt, dass ich damit ihren Wunsch und ihre Worte genauso entwerten würde. Selbst wenn sie es sich später anders überlegt – das ist ihr Recht.
Und meine Hand hat von selbst geschrieben: „Es wird interessant sein zu sehen, wie es bei dir wird.“
Weil es mich wirklich interessiert. Und weil ich ihr meine Erfahrung und meine Wünsche nicht überstülpen will.
Und worauf das alles hinausläuft: Wir sind alle verschieden. Mit verschiedenen Interessen, Wünschen und Erfahrungen. Und so gern wir es hätten – ein anderer Mensch passt nicht in unsere Schuhe. Es täte uns allen gut, zu lernen, andere zu hören und Wünsche zu respektieren, die nicht unsere eigenen sind.
Danke fürs Lesen.
Wenn ihre Worte dich irgendwo erreicht haben, wo meine nicht hinkommen – gut. Dafür ist dieser Blog da. Nimm, was passt, und lass den Rest liegen.
– Jan